Repost: Bernard & Bianca bei den Rittern des Rechts?

Disclaimer: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 4. Juli 2020 unter dem Titel „Bernard & Bianca bei den Rittern des Rechts?“ auf DisneyCentral. Für diesen Repost in meinem Blog habe ich den Text leicht überarbeitet und aktualisiert.

1977 kam mit „Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“ der 23. abendfüllende Disney-Zeichentrickfilm in die Kinos. Es war mein erster Disneyfilm auf VHS und hat deshalb bis heute einen besonderen Platz in meinem Herzen. Darin machen sich die Mäusedame Bianca und der Mäuserich Bernard im Auftrag der Rettungshilfsvereinigung in die Teufelssümpfe auf, um das Mädchen Penny aus den nach einem Diamanten gierenden Händen der bösartigen Madame Medusa zu befreien.

1991 huschte im Rahmen des Disney Clubs ein weiteres Nager-Team über unsere Bildschirme: die „Rettungstruppe“. Im Zentrum der Serie „Chip und Chap – Die Ritter des Rechts“ standen Chip und Chap, die hierzulande aus den Comics als Ahörnchen und Behörnchen bekannt sind. An ihrer Seite agierten die technikversierte Mäusedame Trixi, der käsesüchtige Mäuserich Samson und als Sidekick des Teams die Stubenfliege Summi. Gemeinsam erlebten die fünf Freunde Abenteuer und vereitelten die raffinierten Pläne tierischer und menschlicher Gegenspieler, darunter der Kater Al Katzone und der Wissenschaftler Professor Nimnul.

Der Grundplot beider Formate ist erstaunlich ähnlich. Und das ist kein Zufall.

Was haben Bernard & Bianca mit den Rittern des Rechts zu tun? | Bildquelle: IMDb
  1. Disney setzt auf den Serienboom
  2. Bernard und Bianca – Die Serie?
  3. Wer ist Kit Colby?
  4. Die Streifenhörnchen Chip und Chap
  5. Was geschah nach dem Serienende und wie geht es weiter?

Disney setzt auf den Serienboom

Bei Disney erkannte man, dass die beiden ersten Zeichentrickserien „Disneys Gummibärenbande“ und „DuckTales – Neues aus Entenhausen“ vielversprechend gestartet waren. Damit war klar, dass man auf weitere Produktionen dieser Art setzen wollte. Auch Filme, in denen Tiere Geschichten in der Welt der Menschen erlebten, kamen gut an. Da lag es nahe, beides zu verbinden. Für das Projekt holte man Tad Stones als Produzenten und Autor an Bord. Stones arbeitete seit der Gründung von „Walt Disney Television Animation“ im Jahr 1984 für das Studio und schrieb unter anderem die Story für den TV-Cartoon „Sport Goofy in Soccermania“.

Vor der Arbeit an der neuen Serie war Tad Stones unter anderem an „Sport Goofy in Soccermania“ beteiligt. | Bildquelle: IMDb

Zunächst war man sich jedoch noch unsicher, in welche Richtung sich die neue Serie entwickeln sollte und wer im Mittelpunkt stehen würde. Bis schließlich Chip und Chap als Titelhelden feststanden, sollten noch einige Zeit und etwas Brainstorming vergehen.

Bernard und Bianca – Die Serie?

„Miss Bianca“ ist eine Kinderbuchreihe von Margery Sharp. Auf ihr basiert, insbesondere auf dem Abenteuer „Bianca und ihre Freunde“, der Zeichentrickfilm „Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“. Im Mittelpunkt stehen die titelgebenden Mäuse: Madame Bianca, eine Mäusedame aus Ungarn, und Bernard, ein Mäuserich aus New York. Kennengelernt haben sie sich in der Zentrale der Rettungshilfsvereinigung, nachdem dort Pennys Hilferuf per Flaschenpost eingegangen war. Das Waisenmädchen wurde von der skrupellosen Madame Medusa in die Teufelssümpfe verschleppt, wo es für sie nach einem Diamanten suchen soll. Bei ihrer Mission werden Bianca und Bernard von dem Albatros Orville, Ellie Mae, einigen Sumpfbewohnern und der Libelle Libellchen unterstützt.

Ein kleiner Exkurs: Ursprünglich war erneut Cruella de Vil als Schurkin vorgesehen. Dass sie letztlich nicht auftaucht, liegt daran, dass man sich während der Entwicklung gegen eine zu direkte Anbindung an „101 Dalmatiner“ entschied und stattdessen eine eigenständige Gegenspielerin schaffen wollte. Madame Medusa übernahm dabei bewusst einige Cruella-typische Eigenschaften wie Exzentrik, Cholerik und Gier, erhielt jedoch ein anderes Motiv, das besser zur Entführungsgeschichte passt.

Doch zurück zur Serie: Zunächst war die neue Produktion als Spin-off zum Film „Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“ geplant. Jeffrey Katzenberg war ebenfalls seit 1984 im Unternehmen und verantwortete dort die Filmsparte sowie die Zeichentrickabteilung. Als Chef der Walt Disney Animation Studios beendete er die Spin-off-Idee jedoch, weil die Animation Studios zu diesem Zeitpunkt bereits an der Kinofortsetzung „Bernard und Bianca im Känguruland“ arbeiteten.

Als Tad Stones seine Serienidee mit Bernard und Bianca präsentierte, war „Bernard und Bianca im Känguruland“ bereits in Arbeit. | Bildquelle: IMDb

Wer ist Kit Colby?

Auch in der nächsten Entwicklungsphase hielt man an der Idee fest, eine Serie über ermittelnde Mäuse zu entwickeln. Erste Überlegungen zu einer passenden Teamkonstellation gab es bereits. Unter dem Arbeitstitel „Metro Mice“ nahm das Projekt weiter Gestalt an. Trixi (im Original Gadget) war schon Teil des Ensembles, auch wenn ihr Design noch nicht der späteren finalen Version entsprach. Zum Team gehörte außerdem eine damals noch namenlose Känguru-Ratte, die optisch bereits stark an Samson (im Original Monterey Jack) erinnerte.

Weitere Figuren, die in dieser Konzeptphase geplant waren, umfassten das Chamäleon Camille, das als Sekretärin fungieren sollte, sowie das Grillenmännchen Chirp Sing, das die Gruppe mit seinen Kung-Fu-Fähigkeiten unterstützen sollte. Den Namen „Chirp Sing“ verwendete die Serie später erneut, allerdings für eine andere Figur, nämlich einen Vogel. Außerdem gab es in dieser frühen Version den kurzsichtigen Adler Eagle Eye, der trotz seines Handicaps Späheinsätze übernehmen sollte. Und schließlich war da noch Kit Colby: ein Mäuserich mit Fliegerjacke.

In einem Meeting zwischen Tad Stones, Jeffrey Katzenberg und Michael Eisenberg verfing die Idee bei Stones’ Vorgesetzten zunächst nicht. Katzenberg soll sinngemäß angemerkt haben, das sei noch kein durchschlagender Erfolg.

Die Idee für die Serie, nachdem die Serienidee mit Bernard und Bianca verworfen wurde: Kit Colby und seine „Metro Mice“. | Aus dem Archiv von Amy Mebberson, gezeichnet von Tad Stones

Die Streifenhörnchen Chip und Chap

Katzenberg schlug vor, lieber auf Figuren zu setzen, die dem Publikum bereits vertraut waren. Die ganz großen Namen wie die Ducks oder Micky und Goofy sollten es diesmal jedoch nicht sein. Stattdessen erinnerte man sich an andere bekannte Charaktere, etwa Pluto oder eben Ahörnchen und Behörnchen. Die Quellen widersprechen sich darin, ob Tad Stones oder Michael Eisenberg das Duo ins Spiel brachte. Als die Namen fielen, soll Jeffrey Katzenberg die Entscheidung jedoch umgehend bekräftigt haben. Mit den beiden nun eingekleideten Streifenhörnchen und dem inzwischen überarbeiteten Team aus Trixi, Samson und Summi stand „Chip und Chap – Die Ritter des Rechts“ schließlich als endgültige Serie fest.

Character Sheets von Chip und Chap in ihrer „Arbeitskleidung“ | Bildquelle: chipndaleonline.com

Die beiden Streifenhörnchen, die wir hierzulande vor der Serie eher als Ahörnchen und Behörnchen kannten, traten erstmals 1943 im Cartoon „Private Pluto“ auf. Damals hatten sie allerdings noch keine Namen. Eigentlich waren sie nur für diesen einen Kurzfilm gedacht. Zum Glück entschied man sich später, sie weiterzuverwenden. Ihre englischen Namen erhielten sie erst in ihrem dritten Cartoon, der wie die beiden selbst heißt: „Chip an‘ Dale“. Dort treffen sie außerdem zum ersten Mal auf ihren Lieblingsgegner Donald Duck. Bemerkenswert ist auch, dass wir in diesem Cartoon erfahren, dass Chip und Dale sprechen können.

In der Folge legte sich Donald in einer Reihe weiterer Cartoons mit ihnen an, und auch Pluto jagte sie weiterhin. Sahen sich die beiden Streifenhörnchen anfangs noch sehr ähnlich, wurden sie im Laufe der Zeit optisch immer stärker voneinander abgegrenzt. Ahörnchens Fell ist mitunter etwas dunkler dargestellt, außerdem hat er eine dunkle Nase. Behörnchen dagegen hat eine größere rote Nase und hervorstehende Zähne.

Aber warum heißen Chip ’n’ Dale in der deutschen Übersetzung der Serie eigentlich Chip und Chap? Das ließe sich wohl nur mit dem Synchronstudio klären, das mit der deutschen Bearbeitung beauftragt war. Ich kann daher nur vermuten, dass man griffigere Namen wollte und vielleicht sogar kurz darüber nachdachte, die Originalnamen Chip und Dale zu übernehmen. Tatsächlich sind die beiden übrigens nach Thomas Chippendale benannt, einem bekannten Kunsttischler. Allerdings könnte dabei, so meine Vermutung, die Sorge eine Rolle gespielt haben, dass man den Namen Chippendale hierzulande vor allem mit der Showtanzgruppe „Chippendales“ verbindet. Um dem vorzubeugen, könnte man auf das Prinzip des ausgetauschten Buchstabens zurückgegriffen haben, das schon bei Ahörnchen und Behörnchen Anwendung fand. So wurde aus Dale Chap – den Vokal A hat er sogar mitgenommen. Klingt das plausibel? Spekuliert gerne mit. Vielleicht weiß es auch jemand von euch besser. Dann schreibt es bitte in die Kommentare.

Zu den Outfits, die die beiden in der Serie tragen, kursiert ein Meme in mehreren Varianten, aber stets mit demselben Inhalt: eine Bildcollage mit Tom Selleck als Magnum und Harrison Ford als Indiana Jones. Daneben sind Chip und Chap in ihren Serien-Outfits zu sehen. Darunter steht häufig ein Spruch wie: „Jetzt verstehe ich es erst: Chap ist von Magnum inspiriert und Chip von Indiana Jones.“ Das stimmt allerdings nur zum Teil, denn ursprünglich waren Chip und Chap, wie ich weiter oben erklärt habe, gar nicht als Titelhelden der Serie vorgesehen.

Das berühmte Meme mit Verweis auf „Magnum P.I.“ und „Indiana Jones“ | Bildquelle: Nicht mehr nachverfolgbar

Chip übernahm in gewisser Weise Kit Colbys Outfit, doch man variierte es noch ein wenig und näherte es stärker an Indiana Jones an. Aber war Chaps Outfit tatsächlich von Magnum inspiriert? Jemand, der es wissen sollte, ist der Produzent der Serie. Tad Stones sagte dazu in einem Interview:

So now Chip is wearing Kit Colby’s jacket, plus we gave him a little Indiana Jones hat. And Dale, the goofier one I don’t think we related it to Magnum, P.I. at the time, but we gave him a Hawaiian shirt.

(Chip trägt jetzt Kit Colbys Jacke, dazu haben wir ihm einen kleinen Indiana-Jones-Hut gegeben. Und Dale, der albernere von beiden: Ich glaube nicht, dass wir ihn damals mit Magnum, P.I. in Verbindung gebracht haben, aber wir haben ihm ein Hawaiihemd gegeben.)

Diesem ganzen Thema habe ich bereits einen PKFC gewidmet:

Was geschah nach dem Serienende und wie geht es weiter?

Natürlich erschienen in den vergangenen Jahren weitere Inhalte mit Chip und Chap, doch auch die Rettungstruppe tauchte immer wieder auf.

Die beiden Streifenhörnchen haben mit „Kleine Abenteuer mit Chip und Chap“ einen Kurzfilm-Ableger im Kosmos von „Micky und die flinken Flitzer“ erhalten. Außerdem gibt es die wirklich sehenswerte Serie „Chip und Chap: Das Leben im Park“. Auch dort werden Chip und Chap neu interpretiert: Die Serie inszeniert sie wieder „tierischer“, mit Abenteuern in natürlicher Umgebung und einer dynamischeren, stärker visuell geprägten Erzählweise für ein junges Publikum. Der Erfolg gibt Disney und der französischen Produktionsfirma Xilam recht, denn eine dritte Staffel soll bereits in Produktion sein.

In der Folge „Null Null Duck in ‚Man stürzt nur zweimal ab!‘“ des DuckTales-Reboot sehen wir die Rettungstruppe für einen kurzen Moment wieder. | Bildquelle: IMDb

Und die Rettungstruppe? In der Folge „Null Null Duck in ‚Man stürzt nur zweimal ab!‘“ (Double-O-Duck in You Only Crash Twice!) aus Staffel 3 der 2017 neu aufgelegten Serie „DuckTales“ gab es tatsächlich ein kurzes Wiedersehen mit dem Team. Wie viele weitere Disney-Afternoon-Serien fanden damit auch die Ritter des Rechts ihren Weg ins DuckTales Extended Universe. Dass das überhaupt möglich war, sei allerdings ein riskantes Unterfangen gewesen, wie Frank Angones, Autor und Produzent des DuckTales-Reboots, einräumte. Denn Chip und Chap, genauer gesagt die Rettungstruppe, stehen auf einer Liste von Figuren, die für Auftritte in anderen Produktionen gesperrt sind.

2022 erschien mit „Chip und Chap: Die Ritter des Rechts“ ein Live-Action-Animationshybrid, der die beiden Streifenhörnchen in eine Welt versetzt, in der Menschen und Zeichentrickfiguren zusammenleben – ähnlich wie in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, in dem Roger sogar einen Cameo-Auftritt hat. Nach dem Ende ihrer gemeinsamen TV-Show haben sich Chip und Chap entfremdet: Chip führt ein bürgerliches Leben als Versicherungsmakler, während Chap sich sogar „3D-operieren“ lässt. Als ihr alter Freund Samson entführt wird, raufen sie sich wieder zusammen und geraten in eine kriminelle Verschwörung um gefälschte beziehungsweise „umgestaltete“ Animationsfiguren. Der Film kam am 20. Mai 2022 auf Disney+ und lebt von seinem Meta-Humor, den zahlreichen Cameos sowie der Mischung aus realen Sets und unterschiedlichen Animationsstilen.

Mit „Chip und Chap: Die Ritter des Rechts“ wurde ein Live-Action-Animationshybrid geschaffen, der zeigt, wie es den Darstellern der Serie nach dieser erging. | Bildquelle: IMDb

Bemerkenswert ist, dass der oben bereits erwähnte Frank Angones über den kurzen Auftritt im „DuckTales“-Reboot hinaus gern mehr mit der Rettungstruppe gemacht hätte. Deshalb stellte er Disney ein Reboot-Konzept vor, das er selbst als vom Film „The Kingsmen“ inspiriert beschrieb.

Das Konzept klang äußerst vielversprechend: Die Handlung rund um Chip und Chap sollte auf drei Zeitebenen erzählt werden. Die älteste Ebene beleuchtet die Gründung einer Rettungshilfsvereinigung durch Olivia Hampelmann im Zuge der Ereignisse aus dem Film „Basil, der große Mäusedetektiv“. Die mittlere Ebene spielt zur Zeit der Rettungshilfsvereinigung um Bernard und Bianca, die im Laufe der Jahre zerschlagen wird. In der jüngsten Ebene ist ein gealterter Bernard der letzte Aktive der New Yorker Niederlassung. Chip ist seit Kindheitstagen Fan der Rettungshilfsvereinigung und möchte Mitglied werden. Bernard entdeckt jedoch ein Schlupfloch: Streifenhörnchen gelten seit jeher als Unruhestifter und wurden daher nie aufgenommen. Also lässt er Chip und Chap die Rettungstruppe gründen.

Angesichts dessen, dass die Planungen zu „Chip und Chap: Die Ritter des Rechts“ ursprünglich als Serie über Bernard und Bianca begannen, hätte das Reboot diese Verbindung der beiden Franchises auch erzählerisch aufgreifen können. Angones ist jedoch überzeugt, dass dieses Konzept Disney für eine Zeichentrickserie zu komplex war. Zudem stand es wohl in Konkurrenz zu dem Film „Chip und Chap: Die Ritter des Rechts“ aus dem Jahr 2022. Die Geschichte wiederholt sich: Wie bereits erwähnt, wurde die Idee einer Serie um Bernard und Bianca zugunsten des zweiten Films fallengelassen.

Schade, ich hätte diese Serie sehr gerne realisiert gesehen. Deswegen habe ich die Idee in einer Fanart-Fanfiction-Reihe aufgegriffen, die ihr Euch hier in der MoMGMA ansehen könnt:

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