Disclaimer: Dieser Beitrag erschien ursprünglich als Kolumne mit dem Titel „Kolumne: Zerstört das Reboot das „DuckTales“ meiner Kindheit?“ auf DisneyCentral.de. Für diesen Repost in meinem Blog habe ich den Text leicht überarbeitet und aktualisiert.
Immer wieder stoße ich in den ach so „sozialen Medien“ auf Sätze wie diesen:
“Ich werde das neue DuckTales nicht gucken, weil das doof gezeichnet ist und mir das DuckTales meiner Jugend kaputt macht!”
Ein gewöhnlicher User
Der oben genannte Satz ist natürlich bewusst überspitzt formuliert. Schließlich stecken darin gleich zwei vermeintliche „Kritikpunkte“. Solche Aussagen werden in Diskussionen oft als „Argumente“ gegen die neue DuckTales-Serie ins Feld geführt. Aber sind das überhaupt valide Argumente? Spoiler: Ich setze das Wort nicht ohne Grund in Anführungszeichen. Im Folgenden gehe ich auf beide Punkte ein. Und auch den Begriff „Kritikpunkte“ setze ich nicht ohne Grund in Anführungszeichen.
Die erste Behauptung lautet also: „Das neue DuckTales ist nicht gut gezeichnet.“ Okay, hold my Blubberlutsch! Das lässt sich kaum verallgemeinern, denn hier spielt persönlicher Geschmack die größte Rolle. Betrachtet man es nüchtern und handwerklich, ist die Serie durchaus sehr gut gezeichnet beziehungsweise animiert – wie man es von Disney erwarten kann. Dass man sich optisch vom Vorgänger entfernt, ist aus meiner Sicht nur konsequent.

Ich kenne Menschen, die sagen: „Ich habe das neue DuckTales geschaut, aber der Zeichenstil (Animationsstil) reißt mich so raus, dass ich nicht weitergucken kann.“ Das ist natürlich legitim, denn dann hat man sich zumindest mit der Serie auseinandergesetzt. Das macht die Serie aber weder „schlecht gezeichnet“, noch liegt die Verantwortung dafür bei den Macher*innen. Es ist vielmehr – wie ich oben schon anklingen ließ – eine Aussage über den eigenen Geschmack.
Schiebt man das den Macher*innen zu, macht man es sich meiner Meinung nach zu einfach. Auch ich ertappe mich hin und wieder dabei, keine Sorge. Häufig wird dieses Argument jedoch vorsorglich vorgeschoben, damit man sich gar nicht erst mit der Serie auseinandersetzen muss. Es passt schlicht nicht zu den Sehgewohnheiten, die DuckTales von 1987 geprägt hat. Basta!
Man hat höchstens den Trailer gesehen oder (noch fahrlässiger) gerade mal ein Promobild, bildet sich daraus bereits eine endgültige Meinung über das Werk und verurteilt es damit vor. Das passiert sogar Expert*innen, wie dem YouTuber Ren Kühn auf seinem Kanal „Serienflash“ (dazu komme ich aber gleich noch mal).
Natürlich sollen Trailer Interesse an einem Werk wecken – ein Promobild ebenso. Doch beides ist nicht dafür gemacht, ein Werk in seiner Gesamtheit abzubilden. Ich gebe es zu: Auch ich war beim ersten Blick auf ein Promobild zu DuckTales (2017) skeptisch. Ähnlich ging es mir zuvor mit der neuen „Micky-Maus“-Serie und später mit „Chip und Chap: Das Leben im Park“. An dieser Stelle hätte ich es mir leicht machen und die Serien für mich abhaken können. Damit wären mir allerdings drei sehr gute Disney-Serien entgangen. Tatsächlich ergibt der Stilbruch vom Gewohnten in allen Fällen Sinn, denn er passt zur jeweiligen Serie. Und letztlich ist das auch nichts Neues: Zeichentrickfiguren haben sich im Laufe ihres Bestehens schon immer verändert.
In „Micky Maus“ und der Nachfolgeserie „Die wunderbare Welt von Micky Maus“ parodiert man einerseits die klassischen Cartoons mit Micky & Co. – und zeigt andererseits, wie diese Figuren wirken könnten, wären sie erst heute entstanden. Gleichzeitig knüpfen die Shorts bewusst an die Disney-Historie an und kommentieren sie mit einem Augenzwinkern: Sie nehmen sich selbst nicht allzu ernst, spielen mit Erwartungshaltungen und gewinnen genau daraus ihren Charme. Das spiegelt sich auch im frecheren, bewusst reduzierten Zeichenstil wider. Paul Rudish hat hier, ganz ohne Übertreibung, ein kleines Kunstwerk geschaffen.
Bei „Chip und Chap: Das Leben im Park“ sah das erste Promobild noch ganz anders aus als die fertige Serie. Auch hier erhalten die Streifenhörnchen eine neue Interpretation – neu ist das Prinzip allerdings nicht. Schon „Chip und Chap – Die Ritter des Rechts“ versetzte die Figuren, in deutschen Comics als „A-Hörnchen und B-Hörnchen“ bekannt, in ein anderes Setting: In passender Kleidung lösen sie Kriminalfälle. Für „Chip und Chap: Das Leben im Park“ erzählte man die beiden wieder „tierischer“ – mit Abenteuern in natürlicher Umgebung und einer dynamischeren, stärker visuell getriebenen Erzählweise für ein junges Publikum. Dabei greift die Neuauflage sogar einen Aspekt aus ihrem allerersten Cartoon auf: Chip & Dale – so heißen die beiden Freunde auf Englisch – sprachen damals noch gar nicht. Entsprechend kommen die Cartoons heute oft ohne Worte aus. Wenn sich die Tiere verständigen, geschieht das in einer Fantasiesprache, die vor allem über Betonung und Gestik funktioniert. Der Erfolg gibt Disney und der französischen Produktionsfirma Xilam Recht: Eine dritte Staffel soll bereits in Produktion sein.

Beim „DuckTales“-Reboot aus 2017 heben sich Zeichenstil und Figurendesign an einigen Stellen sehr deutlich von der Originalserie ab. Das sieht man bereits bei Tick, Trick und Track, die hier stärker individualisiert sind. Dieses Stilmittel ist allerdings auch nicht neu – eine ähnliche Herangehensweise gab es bereits bei der Serie „Quack Pack – Onkel D. & Die Boys!“. Diese Änderungen empfinde ich als zeitgemäß. Nicht nur die Erzählweise ist eine andere und legt mehr Wert auf Charakterentwicklung, auch das Tempo ist deutlich angezogen. Genau das wird durch den dynamischeren, stellenweise kantiger wirkenden Stil sehr gut illustriert.
Zu dieser Einschätzung kann man jedoch eigentlich nur gelangen, wenn man sich wirklich mit der Serie auseinandersetzt. Erst dann lässt sich final einordnen, ob sie den eigenen Geschmack trifft. Ich höre (oder lese) das immer wieder: „Erst war ich skeptisch, aber dann habe ich die Serie geschaut und finde sie richtig toll.“
Ich muss dazu sagen, dass Stilwechsel bei Zeichnungen für mich nichts Neues sind. Als jahrzehntelanger Comicleser habe ich oft erlebt, dass bei Serie XY sowohl Autor*innen als auch Zeichner*innen wechseln – bisweilen sogar innerhalb einer Storyline. Auch bei TV-Serien kann man das beobachten: nicht (so häufig) durch das Austauschen von Darsteller*innen (was zwar vorkommt, aber andere Gründe hat) oder durch einen geänderten Zeichenstil (eine auffällige Ausnahme ist „American Dragon“, das zwischen den beiden Staffeln sehr sichtbar den Stil wechselte), sondern vor allem durch die Beteiligung verschiedener Autor*innen.
Erfüllt eine Fortsetzung – oder im Fall von „DuckTales“ eine Neuinterpretation – die Erwartungen der Zuschauer*innen nicht (egal, ob nach tatsächlicher Sichtung oder allein aufgrund einer Vorverurteilung), wird häufig das zweite „Argument“ aus dem eingangs zitierten Satz hervorgeholt: Angeblich werde etwas „zerstört“ – die eigene Kindheit oder gleich die Figuren an sich. So lautete die vorverurteilende Clickbait-Überschrift des oben erwähnten YouTubers Ren Kühn beispielsweise „Disney Plus zerstört Chip & Chap“. Seitdem kann ich diesen Möchtegern-Steven-Gätjen nicht mehr ernst nehmen und meide seinen Content.
Aber zurück zur Behauptung selbst: Meiner Ansicht nach ist sie – um es mit Onkel Dagobert zu sagen – Humbug. Nicht das neue Werk, das auf ältere Vorlagen oder bestehende Figuren zurückgreift, zerstört das Original oder die Erinnerung daran, sondern, wenn überhaupt, wir selbst. Denn eine Neuinterpretation richtet sich in erster Linie an ein anderes Publikum: an die aktuelle Zielgruppe mit ihren jeweiligen Sehgewohnheiten. Und was ebenfalls wichtig ist: Das Original bleibt in den allermeisten Fällen weiterhin bestehen. Dank Streamingdiensten ist der Zugriff darauf sogar einfacher. Es ist also nicht „zerstört“, sondern – Überraschung – nach wie vor verfügbar. Im Fall von „DuckTales“ hat Disney die Serie von 1987 weder aus den Archiven geholt noch restlos vernichtet und – Achtung, erneute Überspitzung – auch keine Agenten losgeschickt, um alte VHS-Kassetten oder Datenträger aufzuspüren und zu zerstören. Ganz im Gegenteil: Die Originalserie ist bei Disney Plus verfügbar – in Deutschland war sie zum Start des Dienstes sogar noch vor der Neuauflage abrufbar.
Der oben konstruierte Satz spiegelt – wie aufmerksame Leser längst gemerkt haben dürften – nicht meine Meinung wider. Ich liebe „DuckTales“ (2017) genauso wie „DuckTales“ (1987). Die Originalserie hat meine Verbindung zu Disney stark geprägt. Die Neuauflage kann dafür sorgen, dass Kinder von heute zu Disney-Fans werden – so, wie es die Serie damals bei vielen aus meiner Generation getan hat.

Außerdem eröffnet die neue Serie einen frischen Zugang zu den Geschichten aus Entenhausen. Sie steckt voller Anspielungen und Gastauftritte, die besonders Fans des Disney Afternoon abholen – ein echter Mehrwert, der sich oft erst beim zweiten Hinsehen erschließt. Crossovers mit Darkwing Duck, Goofy und Kit Wolkenflitzer gehören zu den klaren Highlights. Darüber hinaus bevölkern zahlreiche weitere Figuren aus diesem Kosmos das erweiterte Universum.
Letztlich ist eine Neuinterpretation für langjährige Fans immer auch ein zusätzliches Angebot. Die Frage ist nur, ob man offen genug bleibt, es anzunehmen. Ich würde sogar behaupten, dass ein dogmatisches Ausschließen neuer Deutungen verhindern kann, dass man als Erwachsene*r ein begeisterungsfähiger Disney-Fan bleibt. Genau diese Begeisterungsfähigkeit zu bewahren, meine ich, wenn ich sage: „Ja, ich bin erwachsen – aber ich erhalte auch das Kind in mir.“