Oswald und Woody: Zwei Epochen bei Walter Lantz

Oswald der glückliche Hase und Woody Woodpecker sind zwei ikonische Zeichentrickfiguren, die durch das Walter Lantz Studio miteinander verbunden sind. Ihre Geschichte offenbart faszinierende Zusammenhänge in der Entwicklung der amerikanischen Animationsgeschichte und zeigt bemerkenswerte Parallelen zur Beziehung zwischen Micky Maus und Donald Duck bei Disney.

  1. Von Oswald zu Woody: Ein Generationswechsel
  2. Vergleich zu Micky Maus und Donald Duck
  3. Das Vermächtnis
  4. Fazit

Von Oswald zu Woody: Ein Generationswechsel

Walt Disney und Ub Iwerks schufen Oswald den glücklichen Hasen 1927 für Universal Pictures. Der Charakter debütierte am 5. September 1927 in dem Kurzfilm „Trolley Troubles“. Oswald zeichnete sich durch seine Fähigkeit aus, seine Körperteile nach Belieben auseinanderzunehmen und neu zu formen. Nach Disneys Trennung von Universal 1928 übernahm Walter Lantz 1929 die Produktion der Serie. Bis 1938 entstanden über 140 Oswald-Kurzfilme.

Als Woody Woodpecker 1940 in dem Cartoon „Knock Knock“ erstmals auftrat, erkannte Walter Lantz schnell, dass er einen würdigen Nachfolger gefunden hatte. Das Publikum reagierte begeistert auf den frechen, energiegeladenen Specht mit seinem manischen Lachen. Woody brachte einen völlig neuen Stil ins Studio und wurde besonders während des Zweiten Weltkriegs zum Hit. Er übernahm die Position, die Oswald zuvor innehatte, und wurde zum neuen Zugpferd des Studios.

Interessanterweise gibt es auch eine direkte kreative Verbindung: Bereits in einigen Cartoons aus den 1930er Jahren, darunter ein Oswald-Cartoon von 1936 mit dem Titel „Night Life of the Bugs“, waren Spechte als Nebenfiguren aufgetreten. Diese früheren Experimente legten gewissermaßen den Grundstein für Woodys spätere Entwicklung.

Vergleich zu Micky Maus und Donald Duck

Die Ablösung Oswalds durch Woody folgt einem vergleichbaren Muster wie bei Disney: Ein ursprünglich erfolgreicher, aber eher traditioneller Charakter wird durch einen wilderen, frechen Nachfolger ergänzt oder überholt. Donald Duck wurde 1934 eingeführt und entwickelte sich schnell zum Publikumsliebling, teilweise weil seine cholerische, unberechenbare Persönlichkeit im Kontrast zu Mickys braverem Charakter stand. Ähnlich bot Woody mit seiner verrückten Energie eine deutlich wildere Alternative zu Oswalds sanfterem Wesen.

In beiden Fällen bevorzugte das Publikum zunehmend Charaktere mit rauerem Humor und chaotischerem Verhalten gegenüber den gutmütigeren Protagonisten der frühen Trickfilmära. Der Filmhistoriker Leonard Maltin bemerkte in seinem Buch „Of Mice and Magic: A History of American Animated Cartoons“, dass Walter Lantz mit Woody Woodpecker bewusst einen Charakter schuf, der das Chaos verkörperte – ähnlich wie Disney mit Donald Duck einen Gegenpol zu Micky etablierte.

Auch kommerziell zeigen sich Parallelen: Donald Duck war in den 1940er Jahren der beliebteste Disney-Charakter und erschien in mehr Cartoons als Micky Maus selbst. Diese Entwicklung spiegelte sich bei Lantz wider, wo Woody zum Aushängeschild wurde, während Oswald zunehmend in den Hintergrund trat.

Allerdings gibt es auch bedeutende Unterschiede: Während Micky Maus und Donald Duck im Disney-Universum koexistierten und häufig gemeinsam auftraten, wurde Oswald von Woody praktisch vollständig ersetzt. Die Beziehung zwischen Micky und Donald war eher komplementär – sie traten oft als Team auf. Woody und Oswald hingegen existierten in verschiedenen Epochen des Studios und hatten keine gemeinsamen Auftritte.

Das Vermächtnis

Heute sind beide Figuren Teil des Erbes ihrer jeweiligen Unternehmen – Woody bei Universal und Oswald bei Disney. Sie repräsentieren verschiedene Epochen der Animationsgeschichte, aber ihre Geschichten bleiben durch das Walter Lantz Studio miteinander verbunden. Während Oswald den Weg ebnete, brachte Woody den internationalen Durchbruch und wurde zu einem der bekanntesten Cartoon-Charaktere aller Zeiten.

Interessanterweise kehrte Oswald 2006, also vor 20 Jahren, zu Disney zurück, als das Unternehmen die Rechte von Universal zurückerwarb. Ein bewegender Moment in der Animationsgeschichte: Walt Disneys ursprüngliche Schöpfung kam nach Hause.

Oswald wird in einer kommenden Disney+ Serie auftreten, die Animation und Realfilm verbindet. Jon Favreau produziert die Serie. Sie wird vermutlich 2027 erscheinen – zu Oswalds 100. Geburtstag. Auch Woody Woodpecker erhielt Realfilmadaptionen: 2017 erschien „Woody Woodpecker“ als Hybrid aus Animation und Realfilm, 2024 folgte „Woody Woodpecker geht ins Camp“ (Woody Woodpecker Goes to Camp).

Oswald und Woody reichen sich freundschaftlich die Hand. | Fanart von mir

Fazit

Man kann durchaus argumentieren, dass Woody Woodpecker für Oswald eine ähnliche Rolle spielte wie Donald Duck für Micky Maus – nämlich die des frechen, energiegeladenen Nachfolgers, der den Zeitgeist besser traf und kommerziell erfolgreicher wurde. Die Parallele ist besonders in Bezug auf die Persönlichkeitsunterschiede und den kommerziellen Erfolg erkennbar. Allerdings war Woodys Ablösung von Oswald vollständiger, während Micky und Donald eher als Duo funktionierten.

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