Egmont – Ein kritischer Blick auf einen traditionsreichen Verlag

Es wird – leider – Zeit für einen kleinen Stilbruch. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, diesen Blog nur für positive Besprechungen zu nutzen. Dennoch muss ich mich nun kritisch mit einem Thema auseinandersetzen. Ich tue dies nur, weil ich die Arbeit des Verlags, um den es gleich gehen wird, grundsätzlich sehr schätze – ich verfolge ihn seit meiner Kindheit und seit das möglich war. Allerdings bin ich überzeugt, dass sie es besser machen könnten – wenn sie nur wollten. Es geht heute um das Verlagshaus Egmont.

  1. Die Geschichte des Verlags
  2. Aktuelle Probleme
    1. Mangelnde Transparenz im Egmont Online-Shop
    2. Anhaltende Defizite der „Swoosh“-App
    3. Qualitätsprobleme bei Print-Produkten
  3. Positive Entwicklungen
  4. Wie geht es weiter?

Die Geschichte des Verlags

Der Verlag wurde 1878 vom erst 17-jährigen Egmont Harald Petersen gegründet, der in Kopenhagen mit einer handbetriebenen Druckmaschine begann. Nach der Einführung des Vierfarbdrucks in Dänemark (1892) und der Expansion ins Verlagsgeschäft benannte er sein Unternehmen 1914 in „Gutenberghus“ um. Nach seinem Tod im selben Jahr entstand die Egmont Foundation, die bis heute Eigentümerin des Konzerns ist und soziale Projekte fördert.

Ein entscheidender Schritt in der Firmengeschichte war die Zusammenarbeit mit Walt Disney. Im Herbst 1945 reiste der damalige Geschäftsführer Dan Folke in die USA, wo er Kontakt mit Walt Disney aufnahm. Am 19. April 1948 wurden Gutenberghus die Publikationsrechte für Disney-Geschichten übertragen – zunächst nur für fünf Jahre und begrenzt auf den skandinavischen Markt. Noch im selben Jahr erschien das schwedische Comicheft „Kalle Anka & Co“, 1949 folgte die dänische Ausgabe „Anders And & Co.“

Auf Anraten von Dan Folke gründete Gutenberghus 1951 in Stuttgart den deutschen Ehapa-Verlag. Der Name „Ehapa“ leitet sich aus den Initialen des Firmengründers Egmont Harald Petersen (E Ha P) ab. Noch im selben Jahr brachte der Verlag die Erstausgabe der „Micky Maus – Das bunte Monatsheft“ heraus – die erste deutsche Zeitschrift, die vollständig in Farbe gedruckt wurde. Ein weiterer Meilenstein war der Beginn der Taschenbuchreihe „Lustiges Taschenbuch“ im Oktober 1967.

1968 begann die Erfolgsgeschichte von „Asterix“ auf dem deutschen Markt, dem 1977 „Lucky Luke“ folgte. Von 1972 bis 1988 war Adolf Kabatek, der sich auch als Comic-Autor einen Namen gemacht hatte, Geschäftsführer des Verlags. Unter seiner Leitung und der seines Nachfolgers Eckhardt Bültermann entwickelte sich Egmont Ehapa zu einem der führenden Comic-Buchverlage in Deutschland.

1991 wurde der Reiner Feest Verlag aufgekauft, und 1992 erfolgte die Umbenennung von „Gutenberghus“ in „Egmont“. Mit „Appleseed“ erschien im Februar 1994 der erste Manga des Verlagshauses, der große Durchbruch im Manga-Segment gelang jedoch 1997 mit „Sailor Moon“.

Im Jahr 2001 verlagerte der Egmont Ehapa Verlag seinen Standort von Stuttgart nach Berlin. Die jüngste Namensänderung zu „Egmont Ehapa Media“ im Jahr 2014 spiegelt die Ausweitung des Geschäftsfelds auf digitale Medien wider.

Heute ist Egmont europaweit Disneys größter Lizenzpartner im Printbereich und veröffentlicht Disney-Comics in 30 Sprachen. Der Verlag erreichte 2022 mit seinen drei Säulen – Egmont Comic Collection, Egmont Ehapa Media und Egmont Bäng! Comics – einen Marktanteil von fast 25% im deutschen Comic-Markt. Dies bedeutet, dass nahezu jeder vierte verkaufte Comic aus dem Hause Egmont stammt.

Aktuelle Probleme

In den letzten Jahren entsteht zunehmend der Eindruck, dass Egmont die hauseigene Comicsparte eher stiefmütterlich behandelt. Während das „Lustige Taschenbuch“ und die „Micky Maus“ weiterhin regelmäßig erscheinen – obwohl bei letzterer die Erscheinungsweise 2017 bereits von wöchentlich auf zweiwöchentlich reduziert wurde – werden andere Comic-Reihen oft wieder eingestellt. Zudem fehlt häufig der Mut, neue Wege zu beschreiten. Die Qualität der Druckerzeugnisse lässt teilweise zu wünschen übrig, und innovative digitale Konzepte, die der Namenszusatz „Media“ eigentlich verspricht, sucht man vergebens.

Mangelnde Transparenz im Egmont Online-Shop

Die Shop-Website des Verlages präsentiert zwar alle lieferbaren und vorbestellbaren Produkte übersichtlich. Allerdings werden beim Kinderlabel „Bäng!“, das im Logo sogar explizit den Zusatz „Comics“ trägt, regelmäßig illustrierte Bilderbücher für Kinder als Comics gelistet. Die Illustrationen dieser Bücher sind zweifellos qualitativ hochwertig, doch ein illustriertes Kinderbuch entspricht nicht der Definition eines Comics mit seiner charakteristischen Panelstruktur und Erzählweise. Diesen fundamentalen Unterschied zu erkennen – und vor allem klar zu kommunizieren – sollte für einen renommierten Comicverlag mit jahrzehntelanger Expertise selbstverständlich sein.

„Theseus und der Entotaurus“ ist im Egmont Shop bereits seit dem 8. April 2024 verfügbar. Ob es sich um ein Comic handelt, wie das „Bäng! Comics“-Logo vermuten lässt, oder um ein illustriertes Kinderbuch (was ich stark vermute, da es ähnlichen Titeln entspricht, die Kinderbücher waren), verrät die Produktseite nicht – auch eine Vorschau fehlt.

Dieses Problem könnte leicht behoben werden, indem der Verlag Vorschau-Seiten für alle Bände auf den Produktseiten bereitstellt. Diese sind zwar gelegentlich verfügbar, jedoch viel zu selten. In den Fällen, in denen Vorschauen existieren, erscheinen diese oft erst nach Veröffentlichung des Bandes – was es potenziellen Käufern unmöglich macht, eine fundierte Vorbestellentscheidung zu treffen und den tatsächlichen Inhalt vor dem Kauf einzuschätzen.

Anhaltende Defizite der „Swoosh“-App

Ein besonderes Problem stellt die verlagseigene App „Swoosh“ von Egmont dar, die kaum Weiterentwicklung zeigt. Zu dieser App hatte ich bereits auf DisneyCentral einen umfangreichen Beitrag veröffentlicht; seither hat sich leider nicht viel getan.

Während andere Comic-Apps längst einen Guided View anbieten, der das Panel-für-Panel-Navigieren durch die Geschichte ermöglicht, lässt diese grundlegende Funktion in der Swoosh-App noch sehr zu wünschen übrig. Das Lesen auf Smartphones wird dadurch unnötig kompliziert – Nutzer müssen ständig zoomen und scrollen.

Obwohl angedeutet wird, dass es eine Funktion wie den Guided View (hier als Panel-Ansicht bezeichnet) geben sollte, funktioniert diese nicht zuverlässig und führt häufig dazu, dass der Titel nicht mehr verlassen werden kann. In solchen Fällen bleibt nur die Option, die App vollständig zu schließen. Die abgebildete Seite stammt aus „Micky Maus Comics Nr. 95″.

Die App bietet zwar eine brauchbare Darstellung von Doppelseiten im Querformat, jedoch fehlt überraschenderweise eine optimierte Ansicht für einzelne Seiten in dieser Ausrichtung. Dies ist ein merkwürdiges Versäumnis, da viele Nutzer ihr Tablet oder Smartphone gerne im Querformat halten würden, um einzelne Comicseiten in größtmöglicher Darstellung zu genießen. Stattdessen müssen sie für optimale Lesbarkeit einzelner Seiten das Gerät immer wieder ins Hochformat drehen.

Die Verfügbarkeit der Comics in der Swoosh-App weist erhebliche Lücken auf. Obwohl Egmont mit Panini einen starken Partner gewonnen hat, um eine breite Auswahl anzubieten, ist das hauseigene Comic-Portfolio noch längst nicht vollständig. Bei Disney-Titeln beschränkt sich das Angebot auf ausgewählte Kiosk-Ausgaben – Hommage-Bände und Sammlerausgaben fehlen komplett. Erfolgsserien wie „Asterix“ oder „Idefix und die Unbeugsamen“ sucht man vergebens; „Lucky Luke“ ist nur teilweise verfügbar. Besonders ironisch ist, dass trotz der Partnerschaft mit Panini ausgerechnet die Marvel-Comics fehlen – obwohl Marvel zu Disney gehört und Disney-Comics den größten Teil der App ausmachen. Auf die Frage nach dem Grund erhielt ich von Jörg Risken (Publishing Director Magazines bei Egmont Ehapa Media) damals eine eher nichtssagende Antwort: „Wir freuen uns, dass wir mit PANINI einen starken Content-Partner für das SWOOSH-Programm gewinnen konnten. Bezüglich der Integration anderer Reihen und Titel streben wir natürlich an, weitere starke Serien zu integrieren und wir sind zuversichtlich, dass sich die Rechteinhaber nach und nach für digitale Angebotsformen öffnen werden.“

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht sinnvoller gewesen, wenn Egmont zunächst das umfangreiche eigene Portfolio digitalisiert hätte, bevor externe Partner hinzugezogen wurden? Jörg Risken erklärte mir damals, dass „[…] immer eine gesonderte Vereinbarung über die digitale Nutzung der Titel getroffen werden muss.“ Das ist nachvollziehbar – die digitale Verbreitung von Inhalten stellt eine eigenständige Herausforderung dar. Doch hätte dieser entscheidende Punkt nicht bereits vor dem Launch einer eigenen App geklärt werden müssen? Stattdessen erläuterte Risken – damals auf die fehlenden letzten beiden Lucky-Luke-Alben angesprochen – die Situation so: „Das SWOOSH-Portfolio ist nicht als starres, sondern als lebendiges Programm angelegt, welches sich auch immer wieder erneuert, um für die Abonnentinnen und Abonnenten interessant zu bleiben. Von daher ist davon auszugehen, dass die beiden letzten Alben auf absehbare Zeit in das SWOOSH-Programm integriert werden.“ Mittlerweile wurden sie tatsächlich integriert – im Verhältnis zur Gesamtauswahl betrachtet ist dies jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die App „Nextory“ ist ähnlich wie „Swoosh“ strukturiert und basiert offensichtlich auf derselben technischen Grundlage. Auch hier fehlt der Guided View, was allerdings verständlich ist, da diese App primär für Bücher und Hörbücher konzipiert wurde. Dennoch eignet sie sich besser zum Comic-Lesen als die als reine Comic-App vermarktete „Swoosh“, da sie einzelne Seiten im Querformat darstellen kann. Die Comic-Auswahl dort ist beeindruckend – insbesondere das Panini-Angebot (hier sogar inklusive der Marvel-Titel!). Hätte es für Egmont nicht eine sinnvolle Alternative sein können, eine Kooperation mit „Nextory“ einzugehen, statt sich mit einer eigenen, unvollständigen App zu verzetteln – gerade wenn man aufgrund ungeklärter Rechtefragen nicht alle Eigenpublikationen digital anbieten kann?

Qualitätsprobleme bei Print-Produkten

Ein weiteres gravierendes Problem zeigt sich in der Betreuung klassischer Comic-Serien und Sammelausgaben. Während Egmont sich hauptsächlich auf bewährte Erfolgsformate wie das „Lustige Taschenbuch“, die „Micky Maus“ und zahlreiche Nebenreihen konzentriert und diese mit hoher Frequenz auf den Markt bringt, beschreiten andere Verlage deutlich innovativere und qualitätsbewusstere Wege. Besonders im Vergleich zu den etablierten Comic-Märkten in Italien und Frankreich wird dieser Unterschied in der Herangehensweise deutlich: Dort setzen renommierte Verlage wie Panini Comics, Glénat oder Delcourt konsequent auf hochwertigere Produktion mit Premium-Papierqualität, sorgfältiger Druckqualität und durchdachteren redaktionellen Konzepten, die den Lesern einen echten Mehrwert bieten.

Die deutschen Ausgaben von Egmont wirken dagegen häufig wie standardisierte Massenware, bei der wirtschaftliche Aspekte und Kosteneffizienz die notwendige Qualität und redaktionelle Sorgfalt in den Hintergrund drängen. Diese Entwicklung spiegelt sich nicht nur in der materiellen Ausführung wider, sondern auch in der inhaltlichen Aufbereitung und Präsentation der Werke. Als Beispiel nehme ich besonders gerne das Lettering, das in deutlich maschineller Schrift lieblos daherkommt. Gerade für eine Publikation, die sich „Lustiges Taschenbuch“ nennt, wäre die eine oder andere verspielter gestaltete Schriftart (nein, bitte kein Comic Sans) sicherlich angebrachter.

Tolle Zeichnungen, aber das Lettering lässt stark zu wünschen übrig. Ich kann nicht nachvollziehen, warum bei den humorvollen Illustrationen auch im Jahr 2025 immer noch so statische Schriftarten verwendet werden. Liegt es an der Textmenge? Andere Verlage beweisen schließlich, dass es anders geht. Die abgebildete Seite stammt aus „Lustiges Taschenbuch Sommer Nr. 15“.

Positive Entwicklungen

Dass Egmont seine Comics – zumindest in Teilen – überhaupt zu einem Pauschalpreis digital zugängliches macht, ist schon mal ein sehr positives Zeichen. Dass das ganze noch eine riesige Baustelle ist, habe ich oben beschrieben.

In Bezug auf die Sammlerausgaben muss ich positiv anmerken, dass Egmont Ehapa Media in letzter Zeit verstärkt auf den Sammlermarkt einzugehen scheint. Seit einigen Jahren gibt es bereits die Disney-Hommage-Bände, die im Original bei Glénat erscheinen. Diese werden in Deutschland in derselben hochwertigen Aufmachung wie in Frankreich veröffentlicht. Zudem sind nun auch einige Sammlerausgaben zu den weiterführenden Comics diverser Zeichentrickserien angekündigt. Mit „Gravity Falls – Verschollene Legenden“ ist bereits ein Band erschienen; „Gargoyles – Die Ritter der Nacht“ und „Darkwing Duck – Der Schrecken der Bösewichte“ sollen im zweiten Halbjahr folgen. Besonders hervorzuheben ist auch die Veröffentlichung des Comic-Kinderbuch-Hybriden „Der kleine Mäuseprinz“, auch wenn dieser in der deutschen Fassung – obwohl als Hardcover gestaltet – im Vergleich zur italienischen Originalveröffentlichung noch deutliche Unterschiede in Größe und Coververedelung aufweist.

Es geht doch! Der jüngste der Hommage-Bände ist „Ein Job für Phantomias”, weitere sind geplant. Diese Reihe ist wirklich hochwertig produziert.

Wie geht es weiter?

Gerade in Bezug auf die Disney-Comics hatte ich mir in der Vergangenheit oft gewünscht, dass Panini die Lizenzen auch für Deutschland erwirbt. In Italien besitzt der Verlag diese bereits und veröffentlicht dort neben „Topolino“ auch eine Vielzahl weiterer Serien sowie Sonderausgaben und Paperbacks zu erfolgreichen Reihen. Auch hierzulande würde ich dem italienischen Verlag bezüglich der Disney-Comics mehr Experimentierfreudigkeit zutrauen, wie sie es bei ihren Superhelden-Comics bereits beweisen.

Allerdings wurde die Zusammenarbeit zwischen Egmont und Disney kürzlich erneuert. Laut einer Pressemitteilung vom 14. Januar 2025 haben Story House Egmont und die Walt Disney Company ihre langjährige Kooperation verlängert. Egmont bleibt damit Verleger von Disney-Magazinen in 27 europäischen Ländern und weiteren internationalen Märkten. Am Standort Berlin werden bei Egmont Ehapa Media weiterhin marktführende Kinderzeitschriften und Comics für Deutschland, Österreich und die Schweiz produziert, darunter das „Lustige Taschenbuch“ mit über vier Millionen verkauften Exemplaren pro Jahr. Die Zusammenarbeit zwischen beiden Unternehmen besteht bereits seit 1948 und wurde nun erneut bekräftigt.

Ich würde mir sehr wünschen, dass Egmont seinen eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzt und beweist, dass Comics tatsächlich eine Leidenschaft dieses Verlags sind. Es wäre begrüßenswert, wenn sich das Unternehmen nicht erneut auf die Produktion von Massenware beschränkt, sondern weiterhin den Mut aufbringt, auch Sammler gezielt anzusprechen. Dies muss nicht zwangsläufig die nächste kostspielige Don-Rosa-Edition sein – auch die Veröffentlichung einer erfolgreichen Storyline als ansprechender Hardcover-Band zu fairen Preisen würde sicherlich viele Sammler begeistern.

Hinterlasse einen Kommentar